Das Spiel zum Film! So tönt es aus der Werbung. Die älteren Leser werden angesichts dieser Werbung wohl einige Bauchschmerzen bekommen. Filmumsetzungen waren gerade in Amiga und C64 Zeiten eher berüchtigt als berühmt. „Enter the Matrix“ versteht…
Das Spiel zum Film! So tönt es aus der Werbung. Die älteren Leser werden angesichts dieser Werbung wohl einige Bauchschmerzen bekommen. Filmumsetzungen waren gerade in Amiga und C64 Zeiten eher berüchtigt als berühmt. „Enter the Matrix“ versteht sich selber allerdings nicht als Filmumsetzung sondern als Filmergänzung. Ob’s was gebracht hat, wollen wir erforschen.
„Enter the Matrix“ ist also wie gesagt keine Umsetzung des Films. Das wird schon dadurch deutlich, daß man nicht mit Filmheld Neo oder Morpheus und in den Krieg zieht. Statt dessen stehen dem Spieler die Filmnebenfiguren Ghost und Niobe zur Verfügung. Das besondere an dieser Konstellation ist, daß man nun Handlungsteile kennenlernt, die im Film ausgespart wurden. „Enter the Matrix“ zeigt also Szenen mit den Originaldarstellern, die parallel zum Film gedreht wurden. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Im Film trifft man in einem alten Keller auf eine Versammlung der Rebellen. Die Versammlung wird gestört, weil die Polizei erscheint. Im Film kann man nun Neo beobachten, der sich spektakulär seiner Gegner entledigt. Im Spiel verläßt man den Raum als Niobe (oder Ghost) und darf nun erst einigen anderen Agenten helfen, die ihre Ausgänge nicht schnell genug erreicht haben. Durch diese Art der Handlungsführung gewinnt der Film zusätzlich an Tiefe. Einziger negativer Nebeneffekt ist, daß Spieler, die den Film nicht gesehen haben, Probleme haben werden, der Handlung zu folgen. Da aber beim Film als auch beim Spiel die Wachowski Brüder für das Drehbuch zuständig waren, ist Spannung garantiert.
Gegen die Handlung ist also nichts einzuwenden. Wie sieht es aber auf der technischen und spielerischen Seite aus? Hier muß der eine oder andere sicher die ersten Abstriche machen. Leider schwankt die Qualität zwischen top und grottenschlecht. Größere Anwesen wie das Haus des Merowingers sehen einfach klasse aus. Im Gegensatz dazu stehen viereckige (!) Autoreifen und einige sehr lieblos gestaltete Level. Gerade die Kanalsysteme sind teilweise sehr trist geraten. Auch krankt die Originalversion an einigen Bugs, die ein Grafiktuning verhindern. Erst mit Patch 1.52 und einigen Änderungen in den ini-Dateien, werden die Reifen sechzehneckig (also merklich runder) und die Personen detailreicher. Dies sind auch Punkte, an denen man glaubt, das die Programmieren wohl einigen Zeitbegrenzungen unterlegen haben und das Programm etwas verfrüht auf den Markt geworfen haben. Auch die Animationen der Spielfiguren schwanken zwischen den Extremen. So sind die Kampfszenen perfekt in Szene gesetzt. Klettert unsere Spielfigur aber eine Leiter hinauf, wirkt das fast wie ein epileptischer Anfall. Da man aber wesentlich mehr kämpft als klettert, sei dieses Manko verziehen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der musikalischen Untermalung. Diese funktioniert erst mit Patch 1.52 wirklich gut. Erst dann können auch Funktionen wie EAX vollständig genutzt werden. Die gepatchte Version funktioniert dann allerdings problemlos und klingt über weite Strecken vorbildlich. Leider gibt es auch hier einen kleinen Abstrich. So bleiben die Videoszenen im amerikanischen Original. Alle anderssprachigen Menschen müssen dann fleißig Untertitel lesen. Eine deutsche Syncronisation mit den Originalsprechern hätte sicher die Atmosphäre noch etwas gesteigert, hätte aber auch mit wesentlich höheren Kosten zu Buche geschlagen.
Im Vorfeld besonders hinterfragt war die Art und Weise der Steuerung. Kampfspiele sind ja nun nicht unbedingt das Feld der PC-Spiele. Ziel war es also, mit möglichst wenig Tasten große Erfolge zu erzielen. Dies ist den Herstellern zweifelsohne gut gelungen. Für die Kämpfe braucht man gerade mal vier Tasten. Damit trotzdem keine Langeweile aufkommt, wechseln die Bewegungsmöglichkeiten mit der Zeit etwas. Am Anfang sind also noch nicht alle Bewegungen freigeschaltet. Kommen diese hinzu, treten andere etwas in den Hintergrund.
Für den Spieler ist es also nur wichtig, eine Taste zu drücken und der Spielcharakter entscheidet selbst, was nun passend wäre. Ein Druck auf die „Tritt“ Taste kann also einen Rundkick auslösen. Steht man an einer Wand, springt unser Held vielleicht mit dem linken Fuß an die Wand und tritt mit dem rechten. So verlaufen die Kämpfe oft anders, aber immer spektakulär. Die wichtigste Taste ist allerdings die „Fokus“ Taste. In diesem Modus wird das Spielgeschehen verlangsamt und der Spieler kann besondere Aktionen starten. Neu ist dieser Zeitlupenmodus allerdings nicht, bereits Max Payne setzte auf ein ähnliches Konzept. Wenn auch nicht neu, zweckmäßig ist es auf jeden Fall. Damit auch Anfänger eine Chance haben, gibt es drei Schwierigkeitstufen. Spieler die aber über grundlegende Spielerfahrung verfügen sollten mindestens auf „Normal“ spielen, denn sonst ist das Spiel doch sehr kurz. Zur weiteren Vereinfachung bekommt man regelmäßig Tips zu Strategien und Bewegungen. Und selbst damit nicht genug, denn wenn man zu lange braucht, schaltet das Programm automatisch weitere Hilfen zu. So zeigt uns beispielsweise nach einer gewissen Zeit ein Pfeil den Weg zum Ziel. Mit diesen Hilfen sollte das Spiel also eigentlich für alle Spieler lösbar sein. Ein bisher nicht behobenes Manko besteht allerdings darin, daß unsere Spielfiguren gerne mal ungefragt ihre Waffen wegstecken und man dann schnell recht dumm dasteht, wenn einem plötzlich mehrere Gegner gegenüberstehen.
Ein Wort noch zur Langzeitmotivation. Mit der Zeit schleicht sich leider etwas Routine ein. Die meisten Missionen bestehen im Grunde genommen aus dem Schema: „Lauf von A nach B und mach alles platt was Dir in den Weg kommt“. Seltene Einlagen wie eine Autofahrt oder der Kampf an der offenen Rampe eines fliegenden Flugzeuges lockern zwar ungemein auf, sind aber leider viel zu selten. Rätsel gibt es so gut wie keine. Größere Abwechslung herrscht dafür im Waffenarsenal. Hier reicht das Sortiment vom Holzpflock (für die bösen Vampire) über Pistolen bis hin zu Pumpgun und Maschinenpistolen. In der Regel wird man aber doch auf die guten alten Kampfkünste zurückgreifen, da es damit einfach wesentlich mehr Spaß macht. Zum anderen sollte man sich in den Kämpfen gut auskennen, denn im Verlauf des Spiels trifft man auf Endgegner, denen man nur mit einer herausragenden Kampftechnik beikommen wird. Seltsamerweise kann auch in „Enter the Matrix“ nicht selber speichern. Vielmehr speichert das Programm nach jedem Levelende selbständig ab. Allerdings sind die Level unterschiedlich groß. Manche hat man in 10 Sekunden durchquert, andere strecken sich über 15 Minuten. Im großen und ganzen sind die Savepunkte aber fair gesetzt. Ein letzter Kritikpunkt soll nicht unerwähnt bleiben. Leider wurde im Zuge der vermutlichen Eilfertigstellung das Handbuch vergessen. In unserer Testversion lag es zumindest nur im pdf-Format vor und kann auf Wunsch ausgedruckt werden. Besonders benutzerfreundlich ist das natürlich nicht, zumal das Spiel immerhin zu einem recht happigen Preis erscheint. Zwar beinhaltet das Programm eine Hilfefunktion und klärt regelmäßig über neue Möglichkeiten auf, ein normaler Spieler möchte aber schon sein Handbuch haben, wo er dies und das mal nachschlagen kann. Auch die restliche Verpackung strotzt nicht gerade vor Kreativität. Was wäre bei dieser Thematik alles möglich gewesen... Karten der Hauptdarsteller, kleine Figuren, ja wenigstens ein kleines Bildchen des Films. Leider vermißt man solche Gimmicks komplett.
Fazit
Ja, was ist nun die Matrix eigentlich? Auf jeden Fall eine Filmergänzung mit alternativer Handlung, die sich nicht krampfhaft an das vom Film vorgegebene klammert. Auf jeden Fall ein Spiel mit einer innovativen Steuerung und guten Filmsequenzen. Aber ein Überflieger ist „Enter the Matrix“ trotzdem nicht. Zu viele Detailschwächen verwehren den Sprung in höhere Wertungsregionen. Hätte man noch etwas Arbeit in das Feintuning investiert, wäre man gern in der Matrix geblieben....für immer.